TAG 5: 13.01.2012 [Teil 2 von 3]
Mein Zimmer mit Schreibtisch und Sessel
Hier treffe ich nunmehr auf Scrooge, der sich - einen Bettpfosten fest umklammernd - in seiner Wohnung im eigenen Bett wiederfindet, so wie ich es am Ende dieses Tages auch tun werde. Wobei Dickens einen Satz noch ergänzt: "Und das Beste von allem war und das größte Glück, daß die Zeit, die vor ihm lag, sein eigen war und ihm gehörte, um vieles wiedergutzumachen". Noch einmal bekräftigt Scrooge mit heiser erregter Stimme und mit tränenüberströmten Gesicht sein - zuvor schon dem Geist der zukünftigen Weihnacht gegenüber gtroffenes - Versprechen: "Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft leben! ... Die Geister aller drei sollen in mir lebendig sein". Und dann hüpft er, um seier Rede auch Taten folgen zu lassen, auf daß sein guter Vorsatz nicht eine leere Worthülse bleibt, aus dem Bett, in seine Kleider und ins Wohnzimmer, wobei er ausruft: "Ich fühle mich so leicht wie eine Feder. Ich bin so glücklich wie ein Engel und so vergnügt wie ein Schuljunge. Mir schwindelt wie einem Betrunkenen. Fröhliche Weihnachten einem jeden! Ein glückliches neues Jahr der ganzen Welt! Hallo! Hurra und Hoppsassa!". Ich danke Dir, Ebenezer, für Deinen lieben- Weihnachts- und Neujahrsgruß, der vielleicht - wie auch alles andere bei Dir - etwas spät kommt, aber längst noch nicht zu spät! Erst recht nicht für den zweiten Teil seiner Erkenntnis: "Ich bin wie ein kleines Kind. Tut nichts! Was kümmert es mich! Ich möchte ganz gerne wieder ein Kind sein!". Recht so, Ebenezer! Denn wie erklärt uns doch Jesus im Evangelium nach Lukas in Kapitel 18 Vers 17: "Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen" (Lutherbibel 1912).
Vor Scrooges Fenster ist - wie übrigens im selben Augenblick auch vor dem meinen - Glockengeläut zu vernehmen, daß jenen alten "Kindskopf" dem Kopf aus seinem Fenster stecken läßt, wo vor seinen Augen unten im Hof nunmehr ein richtiges Kind erscheint - ein aufgeweckter Junge nämlich, den Scrooge erst einmal nach dem aktuellen Tag befragt und dabei erfreut feststellen darf, daß man den Morgen des ersten Weihnachtags schreibt. Scrooge hat also alle Geister letztendlich doch in nur einer einzigen Heiligen Nacht empfangen und dadurch das eigentliche Weihnachtsfest noch gar nicht versäumt.
Flugs schickt der alte Knabe den Jungen zum Geflügelhändler ums Eck, von dem er sich einen riesigen Truthahn samt einem Boten kommen läßt, die er dann beide umgehend per Droschkenkutsche zu Bob Cratchits Haus schicken will, wo das Geflügel flugs und - auf Scrooges Geheiß - ohne Nennung ihres edlen Spenders zu übergeben sein wird. Und wie er dann so draußen steht und auf das Eintreffen des gerupften Federviehs wartet, da fällt ihm auch wieder sein Türklopfer ins Auge, mit dem ja im Grunde genommen der ganze nächtliche Spuk erst begonnen hatte. Und Scrogge streicht dankbar mit seiner Hand über ihn, während er dazu spricht: "Früher habe ich ihn kaum jemals angesehen. Welch einen ehrlichen Ausdruck er doch hat! Ein ganz wunderbarer Türklopfer ist das!". Ja, guter alter verwandelter Ebenezer, auch ich kenne dank meiner Klostertage dieses Gefühl, wie es ist, wenn einem die Augen ganz neu geöffnet werden für all die kleinen unscheinbaren und doch bei näherer Betrachtung mit liebender Hand erschaffenen Dinge im Leben.
Dem eintreffenden Gefügelhändlerboten wirft Scrooge rasch ein "Guten Morgen, wie geht's? Fröhliches Weihnachten!" entgegen und schickt ihn dann samt Truthahn auf die Reise. Er selbst aber widmet sich nun - wie vor kurzem auch ich - seiner Morgentoilette samt Rasur, wobei er ständig aufgeregt herumtanzt und seine Hände die ganze Zeit voller weihnachtlicher Vorfreude zittern. Stören tut den geistlich runderneuerten Scrooge das aber nicht, wie uns Dickens mitteilen läßt: "Doch wenn er sich die Nasenspitze abgeschnitten hätte, so hätte er nur ein Heftpflaster draufgeklebt und wäre weiter guter Dinge gewesen". Unerschütterlich nennt man solche Freude wohl, glaube ich, und denke auch zu wissen, welch heiliger Geist sie letzten Endes bei einem Menschen wie ihm hervorzurufen vermocht hat!
Wie dem auch sei, Scrooge schmeißt sich in Schale und macht sich auf den Weg.
Auf der Straße begegnet ihm - unter all den unzähligen bestens gelaunten Menschen - auch einer der beiden Männer wieder, die ihn am Vorabend um eine Spende für die Armen gebeten hatten und die er daraufhin so schäbig abgewiesen hatte. Schweren Herzens spricht Scrooge ihn an, denn auch er weiß, daß die von ihm erbetene Chance auf Wiedergutmachung stets genau mit solch einem Auf-den-Andern-zu-Gehen und Sich-Aussöhnen beginnt. Und so wünscht er dem Manne "Fröhliche Weihnachten", reicht ihm die Hand und stellt ihm leise flüsternd eine höhere Summe für die Armen in Aussicht, in die - wie Scrooge es so treffend bezeichnet - "eine ganze Menge Rückstände drin eingeschlossen" sind.
Ein aufzuholender Rückstand an Güte, Herzlichkeit und Nächstenliebe ist es dann auch, der ihn in seinem Vorhaben weiter Schritt um Schritt vorantreibt - zu einem Besuch der Kirche ebenso wie zu manch liebervoller Geste und manch freundlichem Wort für die Kinder und Bettler auf der Straße.
Am Ende seines so vergüglichen Spaziergangs landet Scrooge dann vor dem Haus seines Neffen. Auch hier braucht es wieder ein wenig Überwindung, bis er schließlich anklopft und Einlaß erbittet. Auch hier schlägt ihm vonseiten seines Neffen wie auch vonseiten seiner bisher verschmähten angeheirateten Nichte sofort mehr vergebende Zuwendung und Herzlichkeit entgegen, als er es sich wohl je zu träumen erhoffen durfte. Und so ist er, ehe er es sich versieht, eingeladen zum Abendessen wie auch zum sich anschließenden rauschenden Weihnachtsfest mit vielen lieben Gästen. Die "wunderbare Gesellschaft" aber sorgt dafür, daß der Abend schnell vorbeigeht - ein unvergeßlicher "Weihnachtsabend", wie ihn Scrooge vermutlich noch nie zuvor - auf alle Fälle aber schon seit langem nicht mehr - erlebt hat.
Als sich am nächsten Morgen sein Buchhalter Bob Cratchit mit deutlicher Verspätung und völlig außer Puste ins Büro schleicht, findet er seinen Arbeitgeber Mister Scrooge trotz allem bereits wieder auf dem gewohnten Platz thronend vor. Und auch die Manieren, die jener dabei an den Tag legt, scheinen wieder ganz die alten zu sein, als er plötzlich losknurrt: "Was denken Sie sich dabei, wenn Sie zu dieser Tageszeit hier erscheinen? ... Nun, ich will Ihnen etwas sagen mein Freund ... ich habe nicht die Absicht, dies länger mit anzusehen. Und deshalb ...". Nein, länger hält Scrooge dieses Zurückfallen in die alte, hinter sich gelassene Rolle des hartherzigen Geizkragens beim besten Willen nicht mehr aus. Und so vollendet er seinen Satz mit einem: "Und deshalb will ich Ihnen Ihr Gehalt erhöhen!". Nicht nur, daß der völlig verdutzte Buchhalter seinen Ohren nicht traut, nein, er hält den alten Scrooge jetzt für gänzlich irre geworden. Der aber läßt sich davon nicht beirren und legt gleich noch einmal nach, indem er verkündet: "Fröhliche Weihnachten, Bob! ... Ein fröhlicheres Weihnachtsfest, mein guter Junge, als ich es Ihnen so viele Jahre beschert habe. Ich will Ihr Gehalt erhöhen und mich nach Kräften Ihrer Familie annehmen, und gleich heut nachmittag wollen wir dei Sache bei einem heißen Weihnachtspunsch besprechen". Und dann, dann darf auch der gute alte Bob nachlegen, zuerst mit dem Schuhaken beim Feuer im Ofen und dann mit dem Kauf eines zusätzlichen Kohlekastens, für den Scrooges neues Ego sogar die nötige "Kohle" herüberwachsen zu lassen gewillt ist ... Tja, da soll noch mal einer behaupten, es ginge bei den Menschen am Ende um mehr als nur um "Kohle" ...
Nun, und das wirkliche "Ende vom Lied", wie Dickens den letzten Vers der Geschichte so trefflich überschrieb, das überlasse ich einmal gänzlich unkommentiert den meisterlichen Worten jenes großen englischen Dichters: "Scrooge hielt mehr, als er versprochen hatte. Er tat all dies und noch unendlich viel darüber hinaus, und für den kleinen Tim, der NICHT starb, sorgte er wie ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund, ein so guter Chef und ein so guter Mensch, wie man ihn ... auf der guten alten Erde nur immer finden mag. Manche Leute lachten, als sie diese Veränderung an ihm bemerkten, doch er ließ sie lachen und kümmerte sich nicht darum ... Sein eigenes Herz lachte - und das war ihm vollauf genug ... immer wurde von ihm gesagt, wenn jemand Weihnachten richtig feiern könne, dann sei er es. Möge das mit Recht auch von uns gesagt werden, von uns allen. Und darum, wie der kleine Tim bemerkte: 'Gott segne uns alle mit einander, einen jeden von uns!'". Nun denn, so sei es! Amen!
Was sich der abschließenden Beendigung meiner Lektüre nun anschließt, ist mein Morgenspaziergang. Dabei begleitet mich am weiterhin grauen Himmel, wie schon am letzten Morgen meines ersten Klosterbesuchs der langsam verblassende Mond. Einzelne Vögel ziehen über mein Haupt hinweg ihre Bahn, und der frische Wind pfeift durch die kahlen Sträucher und die hohen Baumkronen. Noch einmal strömt mir an jener "Außenstelle", wo ich nunmehr die Oblatenbäckerei des Klosters vermute, der feine, zarte Duft von frischem Backwerk entgegen. Und während ich entlang der Klostermauer so langsam vor mich hin schlendere, nehme ich gleichzeitig im Stillen auch Abschied von all dem - fürs Erste auf unbestimmte Zeit. Schließlich kehre ich etwas wehmütig um und begebe mich, wieder in den Schoß des Klostergeländes zurückgekehrt, nach einem kurzen Zwischenstop in meiner Kammer zur Einnahme des abschließenden gemeinsamen Frühstücks ins Haupthaus.

08:10 Uhr
Auf dem Weg dorthin gesellen sich dann auch wieder eine der fleißigen Teilzeitkräfte sowie die auch weiter vor sich her schniefende Diakonisse hinzu. Gemeinsam erreichen wir die Pforte des Haupthauses just in dem Moment, da sie uns durch Schwester Agnes aufgetan wird. Im halbdunklen Flur hängen wir unsere Jacken auf und betreten dann hintereinander den hell erleuchteten Speiseraum, nach und nach gefolgt von den anderen Gästen. Frischer Kaffee, Brötchen, Brot, Butter, Marmelade und verschiedene Käsesorten warten - allesamt einen herrlichen Duft verströmend - bereits darauf, von uns verzehrt und genossen zu werden. Selbst den "ollen Stinker", dem ich im vorigen Jahr vermutlich auch mein nächtliches "Rendevouz" mit der Toilettenschüssel verdanken dürfte, treffe ich hier wieder - lasse ihn aber diesmal wohlweislich links beziehungsweise rechts liegen und gönne mir stattdessen lieber ein Brötchen mit seiner etwas harmloseren "Verwandtschaft" als Belag.
Mit uns zu Tisch sitzt heute morgen auch wieder jener Herr, der gestern abend an Krücken erschien und diesmal die hellbraune Kluft eines Franziskaners trägt. Von ihm war hier am Tisch bereits vor ein paar Tagen die Rede, und zwar davon, daß er ganz in der Nähe des Klosters als Einsiedler leben würde. Ein paar nette Gespräche folgen nun ebenso wie ein wieder einmal ganz vorzügliches Mahl, danach aber geht es zum letzten Mal in meine Unterkunft, wo ich selbst ganz ergriffen meinen Koffer ergreife und mich mit ihm zur Schlüsselübergabe in Richtung Haupthauspforte begebe.

09:00 Uhr